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Unterm Strich bleibt Gewalt!

  • aalen5
  • 26. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit

Der SPIEGEL (hier der Artikel) stellt in seiner aktuellen Ausgabe in dem Artikel: „Unterm Strich“ zwei Bilder von Prostitution nebeneinander: hier die „selbstbestimmte Sexarbeiterin“, dort die schwer traumatisierte Aussteigerin. Das wirkt auf den ersten Blick ausgewogen. Doch unterm Strich entsteht ein gefährlicher Eindruck: als handle es sich um zwei gleichwertige Realitäten, zwischen denen man sich politisch nur entscheiden müsse. Besonders schmerzlich ist für uns dabei: Die SPIEGEL-Journalistin ist extra von Hamburg zu uns auf die Ostalb gereist, um die Überlebende Martina zu interviewen. Anschließend hat sie sich in der SOLWODI BW- Beratungsstelle bei uns in Aalen, umfassend über die Realität von Frauen in der Prostitution, über Gewaltstrukturen, Menschenhandel und Ausstiegshürden informiert. Sie hat dabei ausdrücklich betont, nicht die „klassische“ Gegenüberstellung zweier gegensätzlicher Frauen erzählen zu wollen, sondern auf diese Vereinfachung zu verzichten und stattdessen die Fakten sprechen zu lassen.

Umso unbefriedigender ist das Ergebnis.Denn genau diese Gegenüberstellung dominiert nun doch den Text: hier Freiheit, dort Zwang. Hier Selbstbestimmung, dort Opfersein. Als wären das zwei gleichberechtigte Seiten derselben Medaille – und über den Freier, der das ganze tatsächlich am Leben hält – kein Wort!

Wir widersprechen.

Denn unterm Strich bleibt Gewalt.

Prostitution ist kein normales Arbeitsverhältnis. Sie ist weder Sex noch Arbeit und keine neutrale Dienstleistung. Sie ist ein System, in dem fast immer Männer Zugang zu den Körpern von Frauen kaufen. Ein System, das auf Ungleichheit beruht: auf Armut, auf Migration, auf fehlenden Alternativen, auf früheren Gewalterfahrungen, auf psychischem und sozialem Druck. Dass einzelne Frauen ihre Situation als selbstbestimmt erleben, hebt diese Struktur nicht auf. Es ändert nichts daran, dass der Markt insgesamt von Verletzlichkeit lebt.

Die Geschichte von Martina steht nicht für einen bedauerlichen Einzelfall. Sie steht für das, was Prostitution für sehr viele Frauen bedeutet: Entwürdigung, körperliche Übergriffe, Angst, Abspaltung, lebenslange seelische Narben. Gewalt ist dabei nicht die Ausnahme, sondern Teil des Systems. Wer für Geld Sex haben muss, erlebt keine Begegnung auf Augenhöhe, sondern Anpassung, Übergriff und Machtausübung.

Besonders problematisch ist die Vorstellung, Prostitution ließe sich durch bessere Gesetze „sicher“ oder „fair“ machen. Kein Gesetz der Welt kann ein Verhältnis ausgleichen, in dem der eine bezahlt und der andere sich körperlich und intim zur Verfügung stellen muss. Kein anderer „Beruf“ verlangt die dauerhafte Überschreitung persönlicher Grenzen. Das ist keine Arbeit wie jede andere – das ist institutionalisierte sexuelle Verfügbarkeit.

Eine gerechte Gesellschaft darf Frauen nicht vor die Wahl stellen: Armut oder Prostitution.

Wir setzen uns ein, für eine Welt ohne Prostitution, nicht aus Moralismus, sondern aus Solidarität. Nicht, um Frauen zu bevormunden, sondern weil wir ihnen mehr zutrauen als das Anpassen an ein System, das von ihrer Verletzlichkeit lebt.

Der Anspruch, „die Fakten sprechen zu lassen“, ist wichtig. Aber die wichtigste Tatsache ist: Prostitution ist kein neutraler Markt mit zwei gleich starken Seiten. Sie ist ein Gewaltverhältnis, das sich nur unterschiedlich tarnt.

Unterm Strich geht es nicht um individuelle Lebensentwürfe.

Es geht um Menschenwürde.

Unterm Strich bleibt: Gewalt - das ist unsere Antwort an den SPIEGEL!

 
 
 

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